Abendländische Islamkritik ist nur im Rahmen allgemeiner Religionskritik nicht rassistisch

Islamkritik wird – meist von rechts, mitunter auch von links – mit dem Hauptargument geübt, dass diese Religion (teilweise auch als politische Ideologie bezeichnet) sich nicht mit unserer Lebensart vertrüge. Der Islam widerspreche unseren „westlichen Werten“, unserer christlichen (teilweise auch christlich-jüdischen) Leitkultur. Er habe – anders als die beiden anderen monotheistischen Religionen – die Aufklärung versäumt.

Bei den Begriffen „westliche Werte“ und „christlich-jüdische Leitkultur“ handelt es sich allerdings um unscharfe, schlecht definierte Termini, so dass man sich trefflich und endlos darüber streiten kann, ob der Islam nun als Ganzes oder nur in seiner fundamentalistischen Variante (bzw. gar nicht) dazu in Widerspruch stünde. Es lohnt sich demnach eine genauere Betrachtung: Was also sind die Eckpunkte des geistigen Rahmens unserer westlichen, abendländischen Lebensform?

Wenn man genauer hinschaut, wird man Elemente einer christlichen bzw. jüdischen Kultur zwar erkennen, jedoch eher als historische Reminiszenz, weniger als (und dann meist randständig) gelebte Praxis. Natürlich hat unsere Gesellschaftsform – wie jede andere auch – einen geistigen Motor, ein Uhrwerk, eine Mechanik, nach der alles tickt. Aber dabei handelt es sich nicht um den christlichen bzw. jüdischen Glauben. Die Moderne hat sich einem anderen Maß unterworfen, einem eigenen Maß, das ihrer ökonomischen und sozialen Dynamik entspricht.

Die Ideologie der Moderne ruht auf drei Säulen, nämlich:

  1. einer gottlosen Rationalität
  2. einer kaum beschränkten Egozentrik
  3. und dem Gedanken der Volkssouveränität.

Damit widerspricht die Ideologie der Moderne allen monotheistischen Religionen, nicht nur dem Islam.

„Gottlose Rationalität“ bedeutet: Wir leben im naturwissenschaftlich-technischen Zeitalter. In diesem Denken hat Gott keinen Platz. Die Naturwissenschaften erklären die Welt ohne die Annahme übernatürlicher Kräfte und Mächte. Die technischen Disziplinen setzen das naturwissenschaftliche Denken in die Praxis um, ohne sich dabei auf übernatürliche Kräfte und Mächte zu verlassen.

„Kaum beschränkte Egozentrik“ heißt: Die moderne westliche Gesellschaftsform ist eine kapitalistische. Das Leitbild ist das Individuum, dass sich im Wettstreit mit anderen seinen Vorteil zu verschaffen sucht. Wenn es sich mit anderen dabei verbündet, so haben diese anderen für ihn eine funktionelle Bedeutung (was beispielsweise in Begriffen wie „Geschäfts- oder Parteifreund“ zum Ausdruck kommt. Eine Ausnahme bilden hier allenfalls die Mitglieder der eigenen Familie, die um ihrer selbst geliebt werden (wenngleich dies auch nicht immer der Fall ist).

Der „Gedanke der Volkssouveränität“ besagt, dass staatliches Handeln den Willen des Volkes und nicht den Willen Gottes umsetzen soll. Gesetze werden von Parlamenten beschlossen; sie werden nicht von Priestern aus heiligen Schriften hergeleitet. Die Geschichte wird als Menschenwerk und nicht als göttliche Schöpfung betrachtet.

Keine der monotheistischen Religionen steht im Einklang mit dieser Ideologie der Moderne, die unser gesellschaftliches Leben, anders als die so genannte christlich-jüdische Leitkultur, tatsächlich prägt. Denn sowohl für das Judentum, das Christentum, als auch für den Islam ist Gott Schöpfer des Universums, sein Wille steht über dem menschlichen Willen und seine Vernunft ist der menschlichen Vernunft übergeordnet. Überdies setzt die Gemeinschaft der Gläubigen dem Streben des Individuums enge Grenzen. An diesen grundlegenden Auffassungen hat keine Aufklärung etwas zu ändern vermocht.

So unterschiedlich die monotheistischen Religionen auch immer sein mögen – hinsichtlich der grundlegenden Ideologie der Moderne gehören sie gemeinsam in ein oppositionelles Lager. Die oberflächliche Anpassung an die „modernen Zeiten“ mag dem Islam schlechter gelungen sein als den anderen Religionen; dies bedeutet aber nicht, dass im hier relevanten Kontext ein Unterschied im Kern bestünde.

Wer also unsere tatsächlich maßgeblichen abendländischen Werte, also jene, die hier und heute unser Leben bestimmen, gegen den Islam verteidigen möchte, muss auch die anderen monotheistischen Religionen in seine Kritik einschließen. Denn diese stehen nicht minder im Widerspruch zu diesen Werten, auch wenn es ihnen gelungen sein mag, dies besser zu verhüllen. Nur den Islam herauszugreifen, ist eine Diskriminierung.

Wenn eine Diskriminierung in der Abwertung einer Gruppe aufgrund fiktiver Unterschiede zu anderen Gruppen besteht, nennt man sie Rassismus. Dies ist bei der heute üblichen okzidentalen Islamkritik meist der Fall. Es hilft dem Rassisten hier nicht weiter, dass in islamischen Staaten beispielsweise Frauen gesteinigt würden, in christlichen Ländern aber nicht. Was Muslime nämlich gemeinsam haben, ist nicht das Steinigen von Frauen (viele lehnen dies ab), sondern es ist der islamische Glaube und dieser ist in seinem Kern nicht von den anderen monotheistischen Religionen unterschieden – was die Haltung zu den Eckpfeilern betrifft, auf die sich die Ideologie der abendländischen Moderne stützt.

Man mag auch den Islam aus anderen Sichtweisen heraus getrennt von den anderen monotheistischen Religionen kritisieren – geht es um die Verteidigung „unserer Werte“ und „unseres Lebensstils“, so ist eine solche Sonderbehandlung nicht gerechtfertigt. Unsere Werte und unser Lebensstil widersprechen jeder monotheistischen Religion, und zwar in allen zentralen Bereichen.

Je mehr sich die Frommen, gleich welchen Bekenntnisses, unseren Werten und unserem Lebensstil angepasst haben, desto „inselhafter“ ist ihre religiöse Praxis. Sie findet dann vor allem zu bestimmten Zeiten (beispielsweise am Sonntag in der Kirche) oder an hohen Feiertagen (beispielsweise an Weihnachten) statt; im Alltagsleben aber spielen die religiösen Gebote und Gepflogenheiten keine nennenswerte Rolle mehr. Umgekehrt gilt aber auch: Je weniger sich die Frommen, gleich welchen Bekenntnisses, zu einer solchen „Insellösung“ verstehen können, desto fremder bleiben ihnen unsere abendländischen Werte und unser zeitgenössischer Lebensstil.

Ob ein rationaler Religionskritiker nicht guten Grund hätte, die Religionen hinsichtlich des einen oder anderen Aspekts gegenüber unserer tatsächlichen okzidentalen Ideologie in Schutz zu nehmen, steht auf einem anderen Blatt. Ist unser Kritiker ein Dialektiker, so hat er jedenfalls keine andere Wahl, sofern er sich treu bleiben will.